Reemtsma-Entführung

Bei der Reemtsma-Entführung wurde der Hamburger Mäzen, Philologe und Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma 1996 für 33 Tage zum Zweck der Erpressung gefangengehalten. Er wurde gegen Zahlung eines Lösegeldes in Millionenhöhe freigelassen. Die Täter – Thomas Drach und drei Mittäter – wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Tathergang

Reemtsma wurde am 24. März 1996 gegen 20:20 Uhr auf seinem Grundstück in der Straße Krumdals Weg in Hamburg-Blankenese überwältigt. Ein mit einer Handgranate beschwerter Brief mit der Lösegeldforderung von 20 Millionen D-Mark wurde gefunden. Das Opfer wurde im Keller eines Hauses in Garlstedt, also rund 90 km entfernt, gefangengehalten. Mindestens zwei Geldübergabeversuche scheiterten, weil die Täter Polizeipräsenz vermuteten. Die gescheiterten Versuche nahmen sie zum Anlass, die Lösegeldforderung auf 30 Millionen Mark zu erhöhen. Die Angehörigen von Jan Philipp Reemtsma organisierten die schließlich erfolgreiche Geldübergabe unter Mithilfe des Hamburger Pastors Christian Arndt, des Kieler Soziologen Lars Clausen und des Hamburger Sozialarbeiters Michael Herrmann ohne Wissen der Polizei. Herrmann mietete ein Auto, mit dem Arndt und Clausen über ein Mobiltelefon von den Entführern nach Krefeld gelotst wurden. Dort wurden sie angewiesen, das Auto für einige Zeit zu verlassen und sich zu entfernen. Die Entführer eigneten sich währenddessen das Lösegeld (15 Millionen D-Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken)[1] an und fuhren das Auto auf einen Abhang, wodurch eine sofortige Verfolgung unmöglich wurde. 43 Stunden nach der Zahlung des geforderten Lösegeldes wurde Jan Philipp Reemtsma am 26. April 1996 nach 33 Tagen Gefangenschaft unverletzt südlich von Hamburg freigelassen.[2]

Rezeption

Die Öffentlichkeit erfuhr erst nach der Freilassung Reemtsmas von der Entführung. Die größtenteils informierten Medien hatten sich an eine Nachrichtensperre gehalten. Reemtsma hat seine Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Verbrechen in seinem 1997 erschienenen Buch Im Keller dargestellt. Reemtsmas Sohn Johann Scheerer reflektierte die Entführung aus Sicht der Angehörigen in seinem 2018 erschienenen Buch Wir sind dann wohl die Angehörigen. Die Geschichte einer Entführung.

Verhaftungen

Der Haupttäter Thomas Drach wurde 1998 in Argentinien verhaftet, nachdem seine Telefonate mit einem alten Freund in Deutschland abgehört worden waren. Zwei Jahre später wurde er an Deutschland ausgeliefert. 2001 wurde Drach zu 14 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt. Sein Antrag auf vorzeitige Haftentlassung nach zwei Dritteln der Zeit (§ 57 StGB) wurde 2007 abgelehnt. Am 21. Oktober 2013 wurde er unter Auflagen aus der Haft entlassen.[3]

Auch die drei Mittäter wurden gefasst und zu Freiheitsstrafen zwischen fünf und zehneinhalb Jahren verurteilt. Bernd Dieter Kramer wurde Anfang November 2006 in Santa Rita (Brasilien) gefasst. Im Jahr 2014 wurde ein Mann auf Mallorca unter dem Vorwurf festgenommen, Mitglieder der Frankfurter Hells Angels mit seinem Wissen erpresst zu haben, dass diese die Lösegelder im Rotlichtmilieu gewaschen hätten.[1]

Wolfgang Koszics, der ebenfalls zu der vierköpfigen Bande gehörte, wurde 1997 zu zehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Am 10. Februar 2014 wurde im Meer vor der portugiesischen Algarve Koszics’ Leiche entdeckt. Die portugiesische Polizei ging von einem Selbstmord aus; das Landeskriminalamt Hamburg hielt jedoch auch ein Tötungsdelikt für möglich und ermittelte in diese Richtung.[4] Im November 2015 wurden die Ermittlungen in diesem Fall eingestellt, da ein Fremdverschulden nicht nachgewiesen werden konnte.[5]

Verbleib des Lösegeldes

Von den 15 Millionen D-Mark und den 12,5 Millionen Schweizer Franken gab Drach 5 Millionen D-Mark an sein Helfertrio weiter. Durch Geldwäsche in osteuropäischen Ländern schrumpfte die Restbeute um rund ein Viertel. An Freunde und Anwälte ging ebenfalls ein Teil des Geldes oder wurde einfach ausgegeben.

2013 wurde Drachs letztes Geld-Depot mit 459.900 US-Dollar in einem Schließfach in Uruguay von privaten Ermittlern entdeckt. Jan Philipp Reemtsma erhielt dieses Geld zurück. Rechtsgrundlage dafür ist ein Pfändungstitel des Landgerichts Hamburg. Sechs Millionen Schweizer Franken sind weiterhin verschwunden. Sie gehören zu einer Serie, die inzwischen aus dem Zahlungsverkehr zurückgezogen wurde und nur noch direkt bei der Schweizerischen Nationalbank umgetauscht werden könnte, was anonym nicht möglich ist.

Nach heutigem Informationsstand soll Thomas Drach über kein Geld aus der Entführung mehr verfügen.[6]

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b Spur führt zu Frankfurter Hells Angels. DPA-Meldung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. April 2014.
  2. Kennwort: Ann Kathrin. In: Der Spiegel. Nr. 18, 1996, S. 22–29 (online29. April 1996).
  3. Pressemitteilung (Memento vom 23. Oktober 2013 im Internet Archive) der Hamburger Justiz vom 18. Oktober 2013 über die Auflagen (Az.: 1 Ws 101/13); Vanessa Steinmetz mit Material der DPA: Reemtsma-Entführer: Thomas Drach aus dem Gefängnis entlassen. In: Spiegel Online, 21. Oktober 2013.
  4. Toter Reemtsma-Entführer: Tappte Wolfgang Koszics in eine Falle? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. April 2015.
  5. Todessturz in Portugal: Ermittlungen zum Tod von Reemtsma-Entführer Koszics eingestellt. In: Spiegel Online, 10. November 2015, abgerufen am 23. April 2019.
  6. Per Hinrichs: Thomas Drach: Jan Philipp Reemtsmas Entführer ist pleite. In: welt.de. 6. März 2016, abgerufen am 7. Oktober 2018.

Information

Der Artikel Reemtsma-Entführung in der deutschen Wikipedia belegte im lokalen Ranking der Popularität folgende Plätze:

Der präsentierte Inhalt des Wikipedia-Artikels wurde im 2021-03-01 basierend auf extrahiert https://de.wikipedia.org/?curid=1775946