Bettina Jarasch

Bettina Jarasch (2014)

Bettina Jarasch (geborene Hartmann; * 22. November 1968 in Augsburg) ist eine deutsche Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) und Journalistin. Seit 1992 lebt sie in Berlin. Seit 2016 ist sie Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Sie war die Kandidatin der Berliner Grünen für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2021.

Jarasch war von 2013 bis 2018 Mitglied im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen und von 2011 bis 2016 Landesvorsitzende der Berliner Grünen.

Familie, Ausbildung und Beruf

Ihr Vater ist der Augsburger Papiergroßhändler Helmut Hartmann.[1] Sie war zunächst als Journalistin, unter anderem als Redakteurin der Augsburger Allgemeinen tätig.[2] Jarasch absolvierte ein Magisterstudium in Philosophie, Politik- und Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie arbeitete als Redakteurin, Beraterin und Autorin. Jarasch ist römisch-katholisch, mit dem Journalisten Oliver Jarasch verheiratet, der Abteilungsleiter beim rbb ist,[3] und hat zwei Söhne.[4]

Politik

Von 2000 bis 2009 war Jarasch als Referentin im Büro der grünen Bundestagsfraktion beschäftigt, bis 2005 für Christa Nickels und zuletzt als Vorstandsreferentin von Renate Künast. Nachdem sie kündigte und 2009 der Partei beitrat, wurde sie Mitglied im Berliner Landesvorstand und Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung.

Jarasch wurde am 6. März 2011 gemeinsam mit Daniel Wesener zur Vorsitzenden des Landesverbandes gewählt. Sie gilt als Vertreterin einer realpolitischen Strömung innerhalb der Grünen.[5]

Seit 2013 war sie Beisitzerin im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen. Ihre Schwerpunkte im Parteivorstand der Grünen waren die Familienpolitik und Religionspolitik. Sie leitete federführend die parteiinterne Kommission „Religionsgemeinschaften, Weltanschauungen und Staat“, die der Bundesvorstand im Dezember 2013 eingesetzt hat.

Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2016 kandidierte sie in einem vierköpfigen Spitzenteam hinter Ramona Pop, Antje Kapek und vor Daniel Wesener auf Listenplatz 3 der Landesliste ihrer Partei und wurde über diese in das Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt. Im Januar 2017 kündigte sie ihre Bewerbung um die Berliner Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2017 an,[6] konnte sich bei der Kandidatenaufstellung für Listenplatz 1 im März jedoch nicht gegen Lisa Paus (ehemals Platz 3) durchsetzen.[7]

Im Oktober 2020 wurde Jarasch vom Führungsteam der Berliner Grünen als Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin bei der Abgeordnetenhauswahl 2021 vorgeschlagen.[8] Sie wurde im Dezember 2020 auf einem Landesparteitag von 142 Delegierten bei fünf Enthaltungen und ohne Gegenstimme für das Amt nominiert.[9] Im April 2021 wählten die Berliner Grünen Jarasch mit 97,9 % der Delegiertenstimmen auf Platz 1 ihrer Landesliste zur Abgeordnetenhauswahl.[10] Die Abgeordnetenhauswahl findet am 26. September 2021 parallel zur Bundestagswahl 2021 statt.

Kirchliches Engagement

Jarasch ist langjährige Vorsitzende des Pfarrgemeinderats der römisch-katholischen St. Marien-Liebfrauen-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg.[11] Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken wählte sie im November 2016 erstmals als eine von 45 Einzelpersönlichkeiten zum Mitglied und bestätigte sie im April 2021.[12] Sie wurde am 24. November 2017 zur Sprecherin des Sachbereichs „Politische und ethische Grundfragen“ im Zentralkomitee gewählt.[13] Laut eigener Einschätzung sieht sie ihre Position im Zentralkomitee als „Linksaußen“.[14]

Mit acht weiteren Persönlichkeiten – Theologen und bekannten Katholiken – richtete sie einen Offenen Brief an Kardinal Reinhard Marx, der am 3. Februar 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht wurde. Die Unterzeichner forderten einen „Neustart mit der Sexualmoral“ mit einer „verständigen und gerechten Bewertung von Homosexualität“, „echte Gewaltenteilung“ in der Kirche und den Abbau der Überhöhungen des Weiheamtes und seine Öffnung für Frauen. Sie appellierten an die Deutsche Bischofskonferenz, Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform freizustellen, „damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann“.[15]

Kritik

Im März 2021 wurde Jarasch für eine Äußerung auf dem Berliner Grünen-Parteitag kritisiert. In einem Gespräch mit Werner Graf sagte sie: „Ich wollte lange Zeit Indianerhäuptling werden […]. Leider gab es da keine weibliche Form.“ Die Verwendung des Wortes „Indianer“ wurde von einigen Delegierten als Rassismus kritisiert. Jarasch sprach später von „unreflektierten Kindheitserinnerungen“ und sagte: „Auch ich muss dazulernen.“[16][17] Der Ausschnitt des Gesprächs wurde später auf dem YouTube-Kanal der Grünen entfernt und ein Hinweis eingeblendet, an dieser Stelle sei ein Begriff verwendet worden, der „herabwürdigend gegenüber Angehörigen indigener Bevölkerungsgruppen“ sei.[18] Claus Christian Malzahn kritisierte dies in der Welt als „Selbstzensur“,[19] Ijoma Mangold bei Deutschlandfunk Kultur als „Bußritual“[20] und Helene Bubrowski in der FAZ als Symptom für einen Konflikt um Identitätspolitik bei den Grünen.[21]

Weblinks

Commons: Bettina Jarasch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Polit-Karriere in Berlin; Augsburger Allgemeine, 8. März 2011
  2. Rudi Wais: Bettina Jarasch: Eine Augsburgerin will Berlin regieren. Abgerufen am 9. April 2021.
  3. Oliver Jarasch (rbb) | Wegweiser Media & Conferences GmbH. Abgerufen am 5. Oktober 2020.
  4. Bettina Jarasch: Über mich. Abgerufen am 21. März 2021.
  5. Christine Richter: Berliner Grüne nehmen sich spießiger Themen an. In: Berliner Morgenpost. 7. März 2011 (abgerufen am 8. März 2011).
  6. Berlins Grüne kämpfen um Listenplatz 1 auf tagesspiegel.de, 25. Januar 2017, abgerufen am 9. November 2017
  7. Berliner Grüne: Lisa Paus deklassiert Bettina Jarasch auf morgenpost.de, 25. März 2017, abgerufen am 10. November 2017
  8. Bettina Jarasch soll Spitzenkandidatin werden. In: gruene.berlin. 5. Oktober 2020, abgerufen am 5. Oktober 2020. Über die Kandidatur soll aber erst der Parteitag am 28. November 2020 entscheiden.
  9. tagesspiegel.de: Bettina Jarasch ist nun offiziell zur Spitzenkandidatin gewählt worden, 12. Dezember 2020.
  10. AGH-Wahl 2021: Grüne Berlin stellen Landesliste auf. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Berlin, 25. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  11. Katholische Kirchengemeinde St. Marien Liebfrauen in Berlin-Kreuzberg: Ansprechpartner/-innen
  12. zdk.de: ZdK wählt Einzelpersönlichkeiten, abgerufen am 24. Februar 2017.
    ZdK-Wahl: Diese 27 Kandidaten wurden ins Katholikenkomitee gewählt. Zentralkomitee der deutschen Katholiken. 20. April 2021. Abgerufen am 21. April 2021.
  13. zdk.de: ZdK Wahlen Sprecherinnen und Sprecher der Sachbereiche, abgerufen am 24. November 2017.
  14. „Im Zentralkomitee der Katholiken bin ich eine Linksaußen-Vertreterin.“ Bettina Jarasch: Die Kreuzberg-Katholikin. ZEIT ONLINE. 16. Dezember 2020.
  15. „Offener Brief an Kardinal Marx: Forderung nach Umbruch in der Kirche“, domradio.de, 3. Februar 2019.
  16. Stefan Alberti: Landesparteitag Grüne in Berlin: Brückenbauerin will Autobahn abreißen. In: Die Tageszeitung: taz. 21. März 2021, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 8. April 2021]).
  17. Berliner Zeitung: Bettina Jarasch ernet Kritik für „Indianerhäuptling“-Aussage. Abgerufen am 8. April 2021.
  18. Helene Bubrowski, Berlin: Identitätspolitik der Grünen: „Indianerhäuptling“ sagt man nicht. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 12. April 2021]).
  19. Claus Christian Malzahn: Bettina Jarasch: Die Selbstzensur der Grünen. In: DIE WELT. 28. März 2021 (welt.de [abgerufen am 8. April 2021]).
  20. Indianerhäuptling-Debatte bei den Grünen - Soziales Ritual statt lebendiger Anti-Rassismus. Abgerufen am 8. April 2021.
  21. Helene Bubrowski, Berlin: Identitätspolitik der Grünen: „Indianerhäuptling“ sagt man nicht. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 29. April 2021]).

Information

Der Artikel Bettina Jarasch in der deutschen Wikipedia belegte im lokalen Ranking der Popularität folgende Plätze:

Der präsentierte Inhalt des Wikipedia-Artikels wurde im 2021-10-09 basierend auf extrahiert https://de.wikipedia.org/?curid=6059430